Frühe Diagnostik und Intervention bei Sprachentwicklungsstörungen

Die Überprüfung der Sprachentwicklung in den ersten Lebensjahren stellt in der Praxis immer wieder vor Probleme. Einerseits gibt es eine große Varianz in der Geschwindigkeit in der Kinder Sprache erwerben, andererseits existieren kaum einfache und eindeutige Kriterien die die Sprachentwicklung rasch beurteilen lassen. Hinzu kommt, dass Kinder in einer Untersuchungssituation häufig zurückhaltend sind und so ihre sprachlichen Möglichkeiten nicht zur Gänze zeigen.

 

Die Entwicklung der Sprache ist für die meisten weiteren Entwicklungs- und Lernbereiche von zentraler Bedeutung. Sie bildet ein Medium, das wir zur Gestaltung der Umwelt und unserer Beziehungen zu anderen Menschen nutzen. Über sprachliche Funktionen erwerben und teilen wir Wissen über die uns umgebende und auch die abstrakte Welt; Lesen und Schreiben sind sprachliche Funktionen, Bildung, Beruf und Erfolg sind in unserer Gesellschaft eng mit Sprache verbunden. Daher zeigt sich in der letzten Zeit eine stark gestiegene Sensibiltät gegenüber Sprachauffälligkeiten.

 

Die Sprachentwicklungsstörung ist in der ICD10 definiert als Störung "... der normalen Muster des Spracherwerbs von frühen Stadien der Entwicklung an...". Dabei können zeitliche und/oder qualitative Abweichungen vorliegen. Zur Prävalenz der Sprachentwicklungsstörung liegen sehr unterschiedliche Angaben von 3 % bis zu über 20 % vor, je nach verwendetem Diagnoseinstrument, Alter und anderen Faktoren der untersuchten Population. Die unterschiedlichen Häufigkeitsangaben zeigen bereits, dass es keine einheitlichen, allgemein anerkannten Beurteilungskriterien der Sprachentwicklung und daher auch keine allgemeingültigen diagnostischen Instrumente gibt.

 

Zur erfolgreichen Behandlung einer Sprachentwicklungsstörung ist eine möglichst frühe Diagnose und Intervention wichtig. Sogenannte “late talker”, Kinder die im Alter von zwei Jahren mangelhafte sprachliche Fähigkeiten haben, entwickeln in weiterer Folge in 50% eine manifeste Störung sprachlicher Fertigkeiten. Die Aussage, dass sich das mangelhafte Sprechen “auswachsen” würde oder manche Kinder eben länger brauchen trifft daher nur in der Hälfte der Fälle zu. Ein Zuwarten obwohl Auffälligkeiten beobachtet werden ist aus diesem Grund nicht angebracht.

 

Die Entwicklung des Sprechens und der Sprache ist ein komplexer Vorgang, der nicht unabhängig von anderen Entwicklungsbereichen betrachtet werden kann. Sehen, Hören, die sensomotrische Entwicklung, sozial-interaktive Fähigkeiten und kognitive Fähigkeiten sind  wesentliche Funktionen die in Wechselwirkung zur Sprachentwicklung stehen. Darüber hinaus ist es jedoch erforderlich, dass von Seiten der Bezugspersonen entsprechende Anregungen kommen: Blickkontakt, geteiltes Interesse, wechselseitige Kommunikation, aufgreifen von Mimik und Lauten, später von Worten und deren Bedeutung. So entsteht das Sprechen und die Sprache aus dem Wechselspiel von Anlage und Umwelt.

 

Kriterien einer normalen Sprachentwicklung

 

Im Rahmen der Mutter-Kind-Pass Untersuchung um den ersten Geburtstag ist eine Eintragung vorgesehen, die einen unauffälligen Sprachentwicklungsstand bestätigt. Um von einer unauffälligen Sprachentwicklung sprechen zu können, sollten folgende Bedingungen erfüllt sein:

- differenzierte Reaktionen auf Geräusche

- Lautieren und Bilden von Silbenketten (wie baba, mama, gaga) während des ersten Lebensjahres

- adäquate Interaktion mit Aufnahme von Blickkontakt bei Ansprache durch die Bezugsperson

- Reaktion auf Nennen des Namens.

Erste gezielte Worte werden meist um den  ersten Geburtstag verwendet, können aber auch erst etwas später auftreten.

Weiters ist es hilfreich und aussagekräftig, auf die sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten der Bezugpersonen zu achten: werden Angebote zur Kommunikation, die auf verbale oder präverbale Form vom Kind ausgehen aufgenommen und adäquat beantwortet, das heißt wird innerhalb eines angemessenen Zeitraumes mit situationsangepasster Modulation in Stimme und Mimik auf das Kind reagiert so dass in einem hin und her zwischen Bezugsperson und Kind eine Art “Gespräch” entsteht auch wenn von Seite des Kindes kein oder kaum ein Wort verwendet wird? Gehen umgekehrt von den Bezugspersonen ausreichende  sprachliche Angebote aus? Besonders bei allgemein in ihrer Entwicklung verzögerten Kindern ist dies von enormer Wichtigkeit.

 

Es ist entscheidend, dass das Kind entdeckt, durch Sprache Veränderung bewirken zu können. Das beginnt bereits sehr früh, wenn durch Schreien eine Reaktion der Erwachsenen hervorgerufen wird. In weiterer Folge können durch verschiedenartiges Schreien verschiedene Bedürfnisse ausgedrückt und auch von den Eltern erkannt werden. Werden diese Bedürfnisse verlässlich beantwortet, lernt das Kind aus dieser Erfahrung seine sprachlichen Äußerungen weiter zu differenzieren.

 

Später entdeckt das Kind, dass auch über etwas gesprochen werden kann, das nicht sichtbar anwesend ist. Eine Einwortäußerung des Kindes wie "Papa" kann eine Frage nach der Person aber auch eine Feststellung "Papa ist nicht da" oder "das gehört Papa" sein, wenn es dabei auf einen entsprechenden Gegenstand zeigt. Wenn Betonung und Sprachmelodie von der Bezugsperson aufgenommen und in Sätze wie "Ja, Papa kommt bald" umgewandelt werden, lernt das Kind, die Sprache als Instrument zu seinem Nutzen zu verwenden.

 

In der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres kommt es zu einer raschen Ausweitung des Wortschatzes. Um den zweiten Geburtstag wird ein aktiver Wortschatz von wenigstens 50 Wörtern und zumindest der zeitweise Gebrauch von zwei-Wort-Sätzen erwartet. Dies wird von vielen als der aussagekräftigste frühe Indikator für spätere Spracherwerbsstörungen betrachtet. Wenn diese Fähigkeit nicht erreicht ist, sollte dies zum Anlass für eine weitergehende Entwicklungsdiagnostik und eventuell logopädische Diagnostik und Beratung genommen werden.

Hierzu ist ein Elternfragebogen (SBE-2-KT) erhältlich, der mit kurzer Bearbeitungs- und Auswertungszeit die sprachauffälligen Kinder rund um den zweiten Geburtstag erfassen kann. Dieser steht frei zur Verfügung und ist im Internet abrufbar (siehe unten).

 

Im dritten Lebensjahr steigt die Verwendung von Verben, die bis dahin in der aktiven Sprache wenig Bedeutung haben rasch an, der aktive Wortschatz wächst auf mehrere 100 Wörter, die grundlegenden Regeln der Grammatik werden erworben. Darüber hinaus sind die wesentlichen kommunikativen Funktionen weit fortgeschritten. Das Kind ist ist imstande, Bitten zu äußern, Erlebtes zu erzählen und Fragen zu stellen.

 

Diagnostische Maßnahmen und Interventionen

 

Sobald Sprachauffälligkeiten festgestellt werden, sollte eine diagnostische Klärung erfolgen. Es gilt festzustellen, ob die Sprachentwicklungsstörung isoliert als einzige Auffälligkeit (spezifische Sprachentwicklungsstörung) besteht oder ob weitere körperliche oder psychosoziale Risikofaktoren oder Probleme bestehen. Hören, Sehen, motorische, psychische und kognitive Entwicklung, kommunikatives und Spielverhalten müssen beurteilt und Hinweisen auf eine zugrundeliegende oder assoziierte Erkrankung bzw. Störung muss nachgegangen werden. Dies erfordert in vielen Fällen eine spezialisierte entwicklungspädiatrische sowie eine logopädische Untersuchung.

 

Neben einer gezielten logopädischen Sprachdiagnostik sollte auch bei ansonsten unauffälligen Kindern bereits früh, d.h. beim erstmaligen Feststellen einer Auffälligkeit eine spezielle Beratung und Anleitung der Eltern in Bezug auf sprachförderndes Verhalten erfolgen.

Je nach klinischem Bild und Alter des Kindes können unterschiedliche Aspekte den Schwerpunkt der Behandlung bilden: Blickkontakt, Triangulierung und geteilte Aufmerksamkeit, Imitation, funktionelles und symbolisches Spiel. Diese Bereiche können prinzipiell von verschiedenen Fachleuten, neben LogopädInnen z.B. auch durch Fachkräfte der Frühförderung, behandelt werden.  Sprachspezifische Therapiemaßnahmen werden ab dem dritten Lebensjahr angewandt: Wortschatz, Grammatik, phonologische Funktionen (Fähigkeit, die lautlichen Strukturen der Sprache zu erkennen und zu verarbeiten) und Aussprache können die Inhalte der logopädischen Therapie bilden.

 

Logopädische Unterversorgung in Österreich

 

In Deutschland liegt der Behandlungsgipfel der Sprachtherapie bei den sechsjährigen, es sind 21% aller sechsjährigen Buben und 14% der sechsjährigen Mädchen die bei der AOK versichert sind in sprachtherapeutischer Behandlung. Die Kassen weisen selbst darauf hin, dass die Logopädie zur Zeit des Schulbeginns zu spät ist und bereits bei drei- bis vierjährigen erfolgen sollte. Von dieser Häufigkeit logopädischer Behandlungen sind wir in Österreich weit entfernt. Die erwähnten Zahlen zeigen, dass das Angebot und vor allem die Finanzierung durch die Krankenversicherungsträger bei weitem nicht ausreicht. Hier sind Verbesserungen dringend nötig.

 

 

Sprachbeurteilungstest:

www.kjp.med.uni-muenchen.de/sprachstoerungen/SBE-2-KT.php

LogopädInnen:

www.logopaedieaustria.at 

 

 

Prim. Dr. Klaus Kranewitter

Martina Stallinger

Ambulatorium für Entwicklungsdiagnostik und Therapie

Salzburg


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